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Interview

Lesefreude trotz Risikofaktoren

Kinder, die gerne lesen, haben mehr Erfolg in der Schule – unabhängig von ihrem Bildungshintergrund. Sabine Uehlein, Geschäftsführerin der Stiftung Lesen für Programme und Projekte, im Gespräch mit Barbara Aschenbrenner und Gisela Schaich-Graf.


ZiS | »Warum soll ich lesen, ich habe keine Lust dazu. Lesen ist mir zu anstrengend und Fernsehen macht
viel mehr Spaß«, sind oft zitierte Aussagen von Kindern und Jugendlichen. Wie erklären Sie jungen Menschen, warum Lesen so wichtig ist?


Sabine Uehlein | Zunächst geht es uns nicht darum, Kindern zu erklären, warum Lesen wichtig ist. Sondern
darum, sie für das Lesen zu begeistern. Dieser emotionale Aspekt ist entscheidend für nachhaltige Wirkung
in der Leseförderung. Mit der Erfahrung von rund 40 Schulprojekten, die wir jährlich realisieren, können
wir konstatieren: Kinder und Jugendliche lassen sich weit stärker, als viele Kulturpessimisten denken,
für das Lesen begeistern. Es kommt allerdings darauf an, ihre thematischen Interessen ernst zu nehmen,
ihre Medien-Umwelt zu berücksichtigen – und sie im Ton der Ansprache als Persönlichkeiten zu respektieren:
weder anbiedern, noch belehren. Und um auf die Frage, warum Lesen so wichtig ist, zurückzukommen: Lesekompetenz bildet weiter die Grundlage unserer Informationsgesellschaft. Wer die neuen Medien sinnvoll
nutzen will, muss lesen können.


ZiS | Beim letzten PISA-Test hat Deutschland im Bereich der Lesekompetenz deutlich besser als im Jahr 2000 abgeschnitten. In Mathematik und den Naturwissenschaften liegt Deutschland über dem OECD-Durchschnitt. Was hat Ihrer Meinung nach dazu geführt?

Sabine Uehlein | In der Schuldidaktik kommt immer stärker in den Blick, dass Schule nicht nur Lesefähigkeit
vermitteln, sondern Lesefreude wecken muss. Dieser Entwicklung in Form von geeigneten Projekten stets
neue Impulse zu geben, ist ein zentrales Ziel der Stiftung Lesen. Gleichwohl sehen wir auch die aktuellen PISA-Zahlen in Deutschland als eine weiterhin drängende Herausforderung an: Jeder fünfte 15-Jährige kann so schlecht lesen, dass er eine Tageszeitung nicht versteht.


ZiS | Für Österreich sind PISA-Ergebnisse weit schlechter ausgefallen. Was kann Österreich von Deutschland
lernen, um die Lesekompetenzen ebenfalls zu verbessern? Was haben Deutschlands Schulen anders/ besser gemacht als österreichische?


Sabine Uehlein | Sowohl Österreich als auch Deutschland können von den Ländern lernen, die wirklich herausragende PISA-Ergebnisse im Bereich Lesekompetenz erzielen. Hier ist Finnland in vielen Punkten ein Vorbild – etwa indem dort in der Schule das Potenzial von Printmedien, insbesondere auch Zeitschriften, beim Wecken von Lesefreude konsequent genutzt wird. Die Stiftung Lesen hat diesen Projektansatz in Kooperation mit der Stiftung Presse-Grosso, dem Bundesverband Deutscher Zeitschriftenverleger und den Deutschen Presse- Grossisten im Rahmen einer großen Initiative umgesetzt: »Zeitschriften in die Schulen« erreicht jährlich rund
400.000 Schüler. Ebenso wichtig sind Zeitungsprojekte, hier kooperiert die Stiftung Lesen etwa sehr erfolgreich
mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.


ZiS | In Österreich gibt es eine Vielzahl an Initiativen, die sich für Leseförderung einsetzen, trotzdem sprechen Pädagog/innen von immer schlechteren Leseleistungen ihrer Schüler/innen, haben Sie dafür eine Erklärung?

Sabine Uehlein | Dieses Phänomen liegt nicht daran, dass die Projekte schlecht sind – im Gegenteil: Der Österreichische Buchklub der Jugend etwa leistet herausragende Leseförderungsarbeit. Maßnahmen in Form von Projekten sind vielmehr bei weitem nicht ausreichend: Die Förderung von Sprach- und Lesekompetenz bedeutet eine so große Aufgabe, dass die Dimension dieser Herausforderung erst allmählich ins Bewusstsein der politisch Verantwortlichen rückt. Wenn wir die Kinder aus bildungsfernen Schichten wirklich nachhaltig fördern möchten, müssen wir eine Infrastruktur aufbauen, die – von Kinderarztpraxen über Bibliotheken bis hin zu Lese-Medien Clubs an Schulen – alle wesentlichen Orte umfasst, an denen Kinder und Eltern erreicht werden. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) leistet in Deutschland jetzt mit dem Projekt »Lesestart – drei Meilensteine für das Lesen«, das von der Stiftung Lesen operationalisiert wird, ein erhebliches Investment. Das ist ein sehr bedeutsames politisches Signal.


ZiS | Was halten Sie grundsätzlich von Tests wie dem PISA-Test?

Sabine Uehlein | PISA war vor zehn Jahren ein Weckruf. Den Expertinnen und Experten war die Dringlichkeit einer verstärkten Leseförderung bereits zuvor bekannt – aber die für Deutschland erschreckenden Studienergebnisse
haben die breite Öffentlichkeit wachgerüttelt. Selbstverständlich ist im Zuge der Folgedebatte vieles zerredet worden, aber ohne Studien wie PISA wären viele gute Impulse nicht auf den Weg gebracht worden. PISA ist ja zudem weit mehr gewesen, als ein Ranking: Die Studie hat ganz deutlich den Zusammenhang von Lesefreude und Lesekompetenz aufgezeigt – und die strategisch wichtigsten Leseförderungs-Zielgruppen aufgezeigt, die besonders viel Förderung benötigen: Jungen, Kinder aus bildungsfernen Familien – und Kinder aus Familien mit Migrationshintergrund.


ZiS | Welche Schul- und Unterrichts(re)formen wären Ihrer Ansicht nach nötig, um die Lesekompetenz der Schüler/innen zu verbessern? Wo sehen Sie die Schwächen des Schulsystems?

Sabine Uehlein | Hier ist, wie oben bereits gesagt, ja vieles in Bewegung – sehr viele Lehrkräfte leisten herausragende Lese-förderungsarbeit. Generell ist es so, dass projektorientierte Arbeit, die von den Themen her die Interessen der Kinder aufgreift, besonders erfolgreich ist. Auch der Einbezug von Filmen und neuen Medien weckt nachhaltig Interesse an Texten. Für Deutschland gilt ganz sicher, dass wir an Schulen noch stärker als bislang geschehen Orte schaffen müssen, an denen Kinder und Jugendliche sich kreativ mit Lesestoff und neuen Medien auseinandersetzen können – in Form von Lese-Medien-Clubs.


ZiS | Stichwort Bildungsgerechtigkeit: Welche Korrelationen sehen Sie zwischen sozialer Herkunft und Lesekompetenz bzw. der Schulleistung im Allgemeinen?

Sabine Uehlein | Der Aufweis des Zusammenhangs zwischen Herkunft und Bildungserfolg zählt zu den politisch bedeutsamsten Ergebnissen der PISA-Studie. Es muss daher ein primäres Anliegen sein, hier gegenzusteuern
und sich für mehr Bildungsgerechtigkeit einzusetzen. Die vor zwei Jahren veröffentlichte Studie »Lesefreude trotz Risikofaktoren« der Stiftung Lesen, gefördert vom Bundesfamilienministerium, zum Thema Lesesozialisation in der Familie hat hier sehr bemerkenswerte Ergebnisse präsentiert: Kinder, die gerne lesen, haben mehr Erfolg in der Schule – unabhängig von ihrem Bildungshintergrund.


ZiS | Welchen Reformbedarf sehen Sie in der Lehrer/innenausbildung? Verfügen Pädagog/innen Ihrer Meinung nach über genügend Wissen und Handwerkszeug, um zeitgemäße Lesevermittlung zu betreiben?

Sabine Uehlein | In der Lesedidaktik hat sich – insbesondere im Bereich Grundschule, in den vergangenen zwanzig Jahren in Deutschland ein Innovationsschub ereignet. Dies spiegelt sich etwa in den guten Lese-Ergebnissen
der IGLU-Bildungsstudie im Bereich Grundschulen wider. Dennoch existiert zweifellos ein großer Bedarf, die
pädagogische Ausbildung immer wieder auf die rasante mediale Entwicklung abzustimmen. Denn ganz gewiss muss erfolgreiche Leseerziehung diese Entwicklung im Blick haben. Nicht nur im Interesse der Kinder, sondern auch der Eltern.


ZiS | Man liest immer wieder, dass sich Jungs vor allem aus sozial schlechter gestellten Familien, stark
auf elektronische Medien konzentrieren und dadurch die Lesekompetenz, im Vergleich zu den Mädchen, deutlich schlechter ist. Halten Sie es für wesentlich, gezielte Leseförderung für Jungs anzubieten?


Sabine Uehlein | »Jungen lesen – aber anders«, hieß ein kürzlich realisiertes Projekt der Stiftung Lesen. In der Tat ist es sinnvoll und erfolgversprechend, Jungen besondere Leseförderungsangebote zu machen, da sie spezifische Lesevorlieben und –Verhaltensweisen haben. Jungen lesen beispielsweise stärker themenorientiert als Mädchen: Sie muss der ungefähre Inhalt eines Textes von vornherein überzeugen, bevor sie das Zeit- und Kraftinvestment leisten, sich auf ihn einzulassen. Ebenso wichtig wie ein spezifisches didaktisches Angebot ist es, Männer, insbesondere Väter, für die Bedeutung ihrer Lesevorbild-Wirkung auf Jungs zu sensibilisieren.


ZiS | Nach gängiger Meinung verändert sich das Leseverhalten. Lesen wird eher zu einem raschen Scannen nach optischen Ankerpunkten und zeigt sich in einer kürzeren Aufmerksamkeitsspanne durch kürzere Lese-Rhythmen. Inwiefern verändert das Lesen im Internet Ihrer Meinung nach die Lesegewohnheiten der jungen Generation?

Sabine Uehlein | Die elektronischen Medien verändern in der Tat das Leseverhalten. Insbesondere das »Lese-
Zapping«, also der stete Wechsel des entsprechenden Lesestoffes, nimmt zu. Dies verändert das redaktionelle Konzept von Zeitungen, Zeitschriften und auch Sachbüchern. Jedoch wird es auch immer Romane
geben, die ihren Leserinnen und Lesern stundenlanges Eintauchen in eine andere Welt ermöglichen. Bemerkenswert ist, dass »Lesen« durch die neuen Web 2.0-Möglichkeiten eine neue, interaktive Dimension erhalten hat. Vom Text-Rezipieren zum Text-Produzieren ist es nur noch ein kurzer Schritt.

ZiS | Steht das Hörbuch Ihrer Meinung nach in Konkurrenz zum gedruckten Buch und löst es dieses ab?

Sabine Uehlein | Hörbücher bilden keine grundsätzliche Konkurrenz zum gedruckten Buch. Sie sind für viele literaturaffine Menschen eine geschätzte Form, um Bücher zu rezipieren – etwa während der Autofahrt. Sicher ist
jedoch, dass auch sehr gute Kinderhörbücher bei Kindern nicht die reale Vorlese-Situation ersetzen können.


ZiS | Viel an erzieherischer Tätigkeit wird an die Schule ausgelagert. Welche Aufgaben liegen Ihrer Meinung nach bei den Eltern, welcher Verantwortungsbereich sollte von den Eltern wahrgenommen werden?

Sabine Uehlein | Eltern sind für eine gelingende Lese-Laufbahn ihrer Kinder von ganz entscheidender Bedeutung: durch ihre Vorbild-Funktion. Aber auch durch die nicht nur kognitiv, sondern auch emotional eminent wichtige Rolle eines kleinen »Vorlese-Rituals« in der Familie. Dennoch kann es nicht darum gehen, hier pauschale Parolen an die Eltern zu richten, um Leseerziehungs-Leistung einzufordern. Wir möchten Eltern sensibilisieren und motivieren. Denn eine regelmäßigen Vorlese-Viertelstunde kann nicht zuletzt für die Eltern selbst »Quality Time« sein.


Download des Interviews (/fileitem.aspx?id=902)